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Twitter und die Politik: Zur Analyse temporärer und langfristiger politischer Netzwerke

politics & society
6 May 18:30 - 19:30
60 minutes
intermediate
German
talk

Thesis:

Soziale Netzwerke wie z.B. Twitter ermöglichen eine politische Beteiligung, die schwellenfrei von temporärer Teilnahme bis zu langfristiger Aktivität reichen kann. Innovative netzwerkanalytische Ansätze, wie wir sie in dieser Session vorstellen werden, ermöglichen die Verortung einzelner Teilnehmer und Teilnehmergruppen in diesen komplexen Gefüge.

Beschreibung:

Soziale Medien wie z.B. Twitter spielen eine immer größere Rolle in der politischen Kommunikation, sowohl zwischen Politikern, Journalisten, und anderen Personen des öffentlichen Lebens als auch in der alltäglichen Diskussion politischer Themen und Ereignisse. Eine Vielzahl konventioneller politischer Akteure nutzt die Möglichkeiten, die Plattformen wie Facebook und Twitter bereitstellen; dies ist insbesondere auch im Kontext von wichtigen Wahlkampagnen, Staatsbesuchen, Gipfeltreffen, und kontroversen politischen Debatten zu beobachten.

Gleichzeitig erlauben die sozialen Medien es aber auch Laien, sich zu politischen Themen zu äußern – dies sowohl im engeren Kreis der „persönlichen Öffentlichkeit“ (Schmidt 2011), die um jeden individuellen Account herum von dessen Freundeskreis aufgespannt wird, als auch durch kürzer- oder längerfristige Teilnahme an Diskussionen und Debatten, die in solchen Medien von selbstselektierenden Gruppen geführt werden. Der Übergang von der politischen Alltagskommunikation bis hin zur fortwährenden Partizipation und sogar zur direkten Diskussion mit Politikern, die in sozialen Medien aktiv sind, ist dabei gleitend und weitgehend schwellenfrei.

Die sich dadurch ergebende Struktur und Wirkungsweise politischer Kommunikationsnetzwerke in sozialen Medien läßt sich durch die Anwendung moderner netzwerk- und inhaltsanalytischer Methoden bis ins Detail erforschen; dadurch entsteht ein Bild der jeweiligen Beiträge zentraler wie peripherer Akteure, und der Auswirkungen ihrer jeweiligen Kontributionen auf die Gesamtdiskussion. Diesen Akteuren und Akteursgruppen lassen sich zudem auch verschiedene inhaltliche Positionen zuordnen, und eine Untersuchung ihrer Vernetzung untereinander und mit anderen Teilnehmern erlaubt Rückschlüsse auf den jeweiligen Einfluß solcher Perspektiven.

Die für solche Forschungsansätze nötigen Methoden sind derzeit noch im Entstehen begriffen. Diese Session demonstriert drei komplementäre, innovative Ansätze für die Erforschung poltischer Kommunikation auf Twitter, und wendet sie auf die Untersuchung von Wahlkampagnen, politischen Großereignissen, und langfristig fortbestehenden Diskussionsnetzwerken an. Die hier vorgestellten Arbeiten repräsentieren wichtige Schritte in der weiteren Entwicklung netzwerkanalytischer Ansätze für die Untersuchung politischer Kommunikation in sozialen Medien.

Die Beiträge im Einzelnen:

1) Die Twitterstrategien der Wahlkampagnen im US-Wahlkampf 2012

Assoc. Prof. Axel Bruns & Dr. Tim Highfield ARC Centre of Excellence for Creative Industries and Innovation Queensland University of Technology Brisbane, Australien

Dieser Beitrag untersucht die Twitter-Strategien der führenden Accounts im US-Wahlkampf: sowohl die „persönlichen“ Accounts @BarackObama und @MittRomney, @JoeBiden und @PaulRyanVP, als auch die Kampagnenaccounts @Obama2012 und @TeamRomney. Gestützt auf Datensätze, die alle Tweets von und an diese Accounts in den letzten Monaten der Kampagne (ab Anfang September 2012) erfassen, rekonstruieren wir die Twitterstrategien der Wahlkämpfer aus der quantitativen und qualitativen Auswertung ihrer Aktivitäten und erkunden die Resonanz, die diese Konten bei der breiteren Nutzerbasis gefunden haben. Ein besonderer Schwerpunkt unserer Untersuchung sind in diesem Zusammenhang die Twitterstile dieser Accounts: die Mischung von eigenen Nachrichten, @replies und Retweets und die Art und Anzahl  der Antworten auf alltägliche Twitternutzer. Ein besonderes Augenmerk richtet sich dabei auch auf die Struktur der um diese Accounts existierenden kommunikativen Netzwerke, und speziell auf das Ausmaß der Überschneidungen zwischen den Netzwerken, die die jeweiligen demokratischen und republikanischen Accounts umgeben. Darüber hinaus untersuchen wir die Verwendung dieser Konten in Momenten erhöhter Aufmerksamkeit (wie den präsidentiellen und vizepräsidentiellen Debatten, oder im Rahmen von Kontroversen wie etwa Romneys „47%“-Statement), um Änderungen in der Struktur der Netzwerke im Kontext solcher außergewöhnlichen Momente zu erkennen.

Durch die Nutzung umfassender Datensätze zur Twitter-Aktivität um diese Accounts (insgesamt über 5 Millionen Tweets), welche wir mit speziell entwickelten Social-Media-Analysetools verarbeiten und analysieren, sind wir in der Lage, ein eingehendes Bild von der Verwendung von Twitter im Wahlkampf während der US-Wahl 2012 zu zeichnen, welches detaillierte neue Erkenntnisse zur Nutzung sozialer Medien in der politischen Kommunikation bietet. Diese Einsichten fungieren im Weiteren auch als Prüfstein für die Erforschung von Social-Media-Einsätzen in nachfolgenden Wahlkampagnen, wie etwa in Deutschland und Australien gegen Ende 2013.

 

2)  Ein umstrittener Staatsbesuch:  Eine deutsche Papstreise als Social Media-Thema

Dr. Christian Nuernbergk, Sanja Kapidzic, & Prof. Christoph Neuberger Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, Ludwig-Maximilians-Universität München Oettingenstraße 67, 80538 München

Social Media-Forschung ist bislang stark auf die Themenfelder Politik und Wirtschaft konzentriert. Schnittstellenthemen mit anderen Gesellschaftsbereichen wie etwa Kirche und Religion sind dagegen bislang kaum erforscht. Der letzte Papstbesuch in Deutschland im September 2011 wurde als Thema ausgewählt, weil damit gezeigt werden kann, auf welches Umfeld eine hierarchische, bislang stark abgeschottete Institution wie die Kirche im Internet stößt. Katholische Laien und Papstkritiker verfügen hier über einen schnellen und offenen Medienzugang. Kritik und Protest des „Kirchenvolks“ und anderer Anspruchsgruppen stellen für die Kirche und ihre Amtsträger eine neue Erfahrung dar, deren Qualität, Vernetzung und Sichtbarkeit in Social Media allerdings erst noch exploriert werden muss.  Die Gegner, aber auch die Anhänger des Besuchs nutzten auf unterschiedliche Weise Social Media, um die Visite und ihren Verlauf selbst aktiv zu thematisieren. Welche Entwicklung die Themenkarriere um den Papstbesuchs auf Twitter und in Weblogs genommen hat und welche Anlässe dabei besondere Beachtung fanden, ist im Kontext eines einjährigen Forschungsprojekts inhalts- und netzwerk­analytisch weitergehend ausgewertet worden. Erste Ergebnisse zeigen, dass das papstkritische Umfeld in Twitter im Verhältnis 3:1 überwiegt. Sichtbarkeit durch Retweets erzielten auf Twitter dabei häufiger emotionale und ironische als sachlich-neutrale Beiträge. Im Mittelpunkt des Besuchs stand die Rede des Papstes im Bundestag. Gerade dieser Auftritt im höchsten politischen Gremium war in der Öffentlichkeit umstritten: In der Hauptstadt wurde das von über 50 Gruppen getragene Protestbündnis „Der Papst kommt“ organisiert. Ziel war es, für eine Großdemonstration am Brandenburger Tor zu mobilisieren, die ihren Protest gegen den Papst ausdrücken sollte.

Die Daten wurden wie folgt erhoben: Alle Tweets, die im September 2011 das Wort Papst enthielten, wurden über die API-Schnittstelle gesammelt. Die Postings in Weblogs wurden durch das von „Q Agentur für Forschung“ und Linkfluence entwickelte Linkscape-Dashboard identifiziert. Dieses Monitoring-Tool wertet kontinuierlich über 10.000 deutsche Weblogs aus, von denen etwa 1800 Angebote im weitesten Sinne als politische Blogs charakterisiert werden können. Insgesamt beschäftigten sich 251 Blogpostings und 3884 Tweets inhaltlich näher mit der Papstvisite. Die Datenbasis erscheint unter Big Data-Gesichtspunkten als klein; aber sie konnte deswegen intensiv auf Basis relationaler Variablen ausgewertet werden. So können nicht nur einzelne Nutzer identifiziert werden, die erfolgreich selbst Anschluss­kommunikation ausgelöst haben, sondern es kann auch ganz konkret ermittelt werden, in welcher Weise die Nutzer auf ihre vorangehenden Tweets reagiert haben (Zustimmung, Ablehnung, Übernahme oder Erweiterung des Inhalts). Auf diese Weise kann skizziert werden, wie einzelne Charakteristika der Tweets und der aktiven Nutzer im Twitter-Netzwerk ihre Retweet-Ratio und ihre Erwähnungen in @mentions beinflussen. Auch das Homophily-Prinzip („birds of a feather flock together”) lässt sich mit Hilfe der Datengrundlage untersuchen: Hier wird klassifiziert, ob geteilte inhaltliche Bewertungen dazu führen, dass das Diskursnetzwerk zu diesem umstrittenen Besuch in unterschiedliche Partitionen fragmentiert ist.

 

3) Tagespolitik auf Twitter: Themen und Strukturen einer politischen Twittersphäre

Axel Maireder Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft Universität Wien Österreich

Julian Ausserhofer Web Literacy Lab, Institut für Journalismus und PR FH Joanneum Graz Österreich

In Österreich hat sich in den letzten Jahren auf Twitter ein spezifischer innenpolitischer Kommunikationsraum entwickelt, in dem ein offener Austausch zwischen ganz unterschiedlichen Gruppen und Akteuren stattfindet: ParlamentarierInnen tickern aus Untersuchungsausschüssen, lose Kollektive kampagnisieren und renommierte Leitartikler prüfen vorab ihre Thesen. Jede politische Fernsehsendung wird zur #Hashtag-Arena, in der UserInnen aller Couleurs miteinander diskutieren. 

Wir haben diese politische Twittersphäre über mehrere Monate hinweg beobachtet. Basierend auf Netzwerk- und Inhaltsanalysen zeigen wir, welche Themen diskutiert werden, welche NutzerInnen in diesen Diskussionen zentral sind, und in welchem Verhältnis die Themensetzung auf Twitter zu jener in den Massenmedien steht.

Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass Twitter tagsüber stark als Broadcastmedium verwendet wird und abends der Dialog dominiert. Insbesondere Grüne PolitikerInnen und Männer prägen den Diskurs. Die politische Twittersphäre in Österreich enthält einen umfangreichen, dichten Netzwerk-Kern, der sowohl Politik-Profis als auch BürgerInnen einschließt. Eine klare Trennlinie zwischen dem Netzwerk der Politik-Profis und jenem der Zivilgesellschaft kann nicht ausgemacht werden. Auf Twitter und in den Massenmedien zeigen sich unterschiedliche Themenagenden. Vor allem werden aktuelle, sensationelle Ereignisse auf Twitter anteilsmäßig stärker diskutiert als in den Massenmedien, während langatmige Themen wie die Finanzkrise auf Twitter kaum vorkommen.

Abschließend diskutieren wir die Ergebnisse aus unsere Studie vor dem Hintergrund aktueller demokratiepolitischer Debatten rund um die Integrationsfunktion internetbasierter Kommunikationstechnologien.