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Wie das Internet literarisches Schreiben verändert

culture
8 May 13:45 - 14:45
60 minutes
intermediate
German
talk

Thesis:

Das Netz erfordert ein formal angepasstes Schreiben.

Beschreibung:

Abgrenzung:

Viel wird darüber gesprochen, was das Netz mit dem Schreiben macht, und fast immer geht es dabei um Geld oder Jura. Wie verdient ein Autor seinen Lebensunterhalt, wenn alles kostenlos ist, welche Business-Modelle sind erfolgversprechend, wird er durch das Netz enteignet, wem stehen welche Rechte zu?Oft entgeht der Diskussion eine andere, spannende Frage: Wie verändert das Netz das literarische Schreiben? Welche Mittel und Möglichkeiten bietet es jenseits von besserer Vernetzung, direktem Publikumskontakt, Finanzierungsmöglichkeiten? Welche konkreten Techniken gibt es bereits, digital zu arbeiten, und was wird die Zukunft an neuen Formen bringen?Oder anders: Was macht das Internet mit dem Schreibenden, was es mit anderen nicht macht?

Die neue Rolle des Autors

Lange galt der Autor als jemand, der einsam am Schreibtisch sitzt, Unmengen Kaffee trinkt, raucht und schreibt, in stiller Einsamkeit versunken. Der Umsturz fand mit der Vernetzung statt: plötzlich interagiert sein Werkzeug und spricht mit ihm. Das role modell Autor, das für Jahrhunderte Bestand hatte, taugt nicht mehr, der Schreibende tritt in den Vordergrund. Welche Konsequenzen hat das?

 

These: Breite Formen werden autorenungerechter

http://www.nytimes.com/projects/2012/snow-fall/ 

So stellt sich die NYT die Zukunft der Literatur vor. Es sind wenige Autoren, die das leisten können, was die Kurzgeschichte präsentiert. Was sie nicht können, ist: das Handwerk. Und das heißt in erster Linie: das grafische Handwerk. So Handwerk does matter! Allerdings vor allem das grafische. Deswegen funktionieren online Comics ausgezeichnet: das Netz hat bei vielen Lesern den Eindruck erweckt, dass nu jeder schreiben könne, aber was nicht jeder kann, ist einen Text professionell zu präsentieren.

 

These: Twitter vereinfacht die FigurenentwicklungAutoren wie Jan-Uwe Fitz (Taubenvergrämer), Clara Hitzel (Ada Kreuzberg) oder Peter Breuer nutzen Twitter, um eine Figur zunächst dem Publikum zu präsentieren, noch bevor sie in einem Buch erscheinen. Die Figur ist zunächst eine vage Idee, bevor sie in eine Geschichte eintritt.

These: Literatur wird streamiger, Anfang und Ende spielen weniger eine RolleDie Geschichten über den Taubenvergraemer sind geprägt davon, dass sind unvermittelt beginnen und abrupt abbrechen. Es gibt weder den klassischen Anfang noch das abschließende Ende. Sie sind wie in einem Flow eingebettet, eine Art Stream of Consciousness.

 

These: Neue Formen werden autorengerechter 

Das schlägt sich auf die Formate nieder, das Verlaufstagebuch hat heute einen neuen Peak. Alban Nikolai Herbst dokumentiert sein Arbeiten, Wolfgang Herrdorf sein Sterben. Dass diese Sorte Erzählen beim Publikum gefragt ist, sieht man am Backlash ins traditionelle Printverlagsgeschäft: Aktuell erleben wir ein Aufkommen von Aktivisten-Tagebüchern (z.B. Mühsam, Franz Jung, Harry Graf Kessler, Pepys). Früher waren es eher Biografien, die vergessene Autoren wieder heraufbeschworen, inzwischen sind es ihre eigenen Worte, die für ihre Wiederentdeckung sorgen. Parallel dazu gibt es seit einigen Jahren den Postpop mit Autoren wie Maxim Biller, Rainald Goetz, Judith Herrmann und auch Helene Hegemann, die eine authentische Literatur vertreten: Ich-Erzähler, nachfühlbare Lebensumstände, bekannte Settings, wenig Plot.

 

These: Unterhaltsamkeit wird wichtiger 

Die digitale Literatur hat bisher keine neuen Methoden hervorgebracht, Avantgarde-Projekte (wie die Permutationslyrik) fristen ein Nischendasein. Es gibt auch noch keine dezidiert neuen Formen. Allerdings verändern die neuen Lesegeräte das Leseverhalten, an einem Bildschirm liest man 20 Prozent schneller als auf Papier, und auf den Ebook-Readern sind im Vergleich zu gedruckten Büchern auf einer Seite Text im Schnitt nur noch 2/3 der Zeichen. Das hat die Lektüreerwartung verschoben; es ist schwieriger geworden, den Leser an einen Text zu ketten. Deswegen funktionieren vor allem unterhaltsame Texte, die konventionell erzählen; von denen der Leser weiß, was er zu erwarten hat. Um den Leser bei der Stange zu halten, werden mehr als früher aufmerksamkeitsintensive Sätze gesetzt. Highlighted keywords, eine der wichtigsten Unterschiede zwischen Off- und Online-Journalismus, finden ihre stilistische Entsprechung in der Pointe. Der Witz ist die Zwischenüberschrift des literarischen Textes.

 

Zusammenfassung: Worum es tatsächlich gehen soll, ist nicht eine Neuverortung der Literatur, es wird kein theoretischer Vorschlag. Es sollen stilistische und formale Herausforderungen an den Autoren benannt werden und Beispiele aufgezeigt werden, wie man damit umgehen kann. Am Ende steht kein: „So geht das also“, sondern ein: „Das stellt den Schreibenden vor Probleme, und diese Lösungen haben andere gefunden“.